Die verschwundene Nala

Manche Hunde verschwinden. Und manchmal verschwinden sie so gründlich, dass selbst die Menschen, die sie lieben, anfangen, das Schlimmste zu befürchten.

An einem Abend gegen 22.30 h klingelte mein Telefon. Nala, ein kleiner Chihuahua, war seit dem Mittag verschwunden. Nicht seit einer Stunde. Nicht seit dem letzten Spaziergang. Seit dem Mittag. Das Haus war mehrfach durchsucht worden. Der Garten auch. Kein Hund. Keine Spur. Keine Reaktion auf Rufen. Nichts.

Was die Situation noch schwerer machte: Die Familie hatte bereits einmal einen Hund durch einen Verkehrsunfall verloren. Die Angst saß also tief.

Während die Tochter zu Hause suchte, telefonierte die Mutter aus dem Ausland mit mir. Wenig später war auch der Vater eingebunden. Und ich begann nachzudenken. Nicht darüber, wo ein Hund sein könnte. Sondern darüber, welcher Hund verschwunden war.

Denn Nala ist kein Abenteurer. Sie ist keine, die auf eigene Faust die Welt erkundet. Sie ist anhänglich, menschenbezogen und liebt ihr Zuhause. Je länger wir sprachen, desto weniger passte die Vorstellung eines entlaufenen Hundes zu genau dieser Hündin.

Trotzdem blieb ein mulmiges Gefühl. Also schnappte ich mir Paula und Leo. Mit Leuchthalsbändern ausgestattet, zogen wir im Dunkeln über das weitläufige Grundstück, durch den Park, an Wiesen vorbei und zwischen Bäumen und Sträuchern. Immer mit dem Gedanken: Vielleicht sitzt sie irgendwo verängstigt im Unterholz. Vielleicht ist sie verletzt. Vielleicht braucht sie Hilfe.

Paula und Leo fanden die Aktion ziemlich großartig. Nächtliche Expedition, spannende Gerüche, endlich mal Programm. Ich selbst hätte auf dieses Abenteuer gern verzichtet. Denn mit jeder Minute wurde die Frage unangenehmer: Wo kann ein Chihuahua sein, den niemand findet?

Irgendwann blieb ich stehen und dachte noch einmal an Nala. An ihre Anhänglichkeit. An ihre Scheinschwangerschaft. An ihr Bedürfnis nach Nähe, Ruhe und Sicherheit. Und plötzlich erschien mir die Vorstellung, dass sie draußen herumstreifte, immer unwahrscheinlicher.

Also zurück ins Haus. Noch einmal. Zimmer für Zimmer. Ecke für Ecke. Und schließlich ging ich ins Zimmer der Tochter. Dorthin, wo Nala am liebsten war. Ich rief ihren Namen. Einmal. Zweimal.

Dann hörte ich ein leises Fiepen. Kaum wahrnehmbar. Es kam aus einem Schrank.

Wir öffneten die Tür. Und da lag sie. Tief hinten eingerollt. Vollkommen entspannt. Offenbar sehr zufrieden mit ihrer Platzwahl. Während draußen eine ganze Familie mit den Nerven am Ende war und zwei Hunde mit Leuchthalsbändern eine Stunde lang einen Park abgesucht hatten.

Die Erklärung war am Ende erstaunlich einfach. Nala war hormonell in der Scheinschwangerschaft. Viele Hündinnen suchen in dieser Zeit geschützte, höhlenartige Rückzugsorte auf. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als ein Schrank im Zimmer ihres Frauchens?

Für die Familie war es eine Nacht voller Angst. Für Nala vermutlich ein völlig normaler Nachmittag.

Die Geschichte erinnert mich bis heute an eine Frage, die im Umgang mit Hunden entscheidend ist: Nicht: „Wo würde irgendein Hund sein?“ Sondern: „Wo würde genau dieser Hund sein?“

Denn manchmal liegt die Antwort nicht irgendwo da draußen. Sondern genau dort, wo der Hund sich am sichersten fühlt.

Juni 2026

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