Die gereizte Bademeisterin

Anfang Juli. Mondsee. Über 30 Grad. Der See glitzert türkis, die Berge sehen aus wie aus dem Reisekatalog, Paula und Leo sind zufrieden – und ich auch. Wir bummeln an der Promenade entlang, schnuppern hier, schauen dort, Paula findet ein Bächlein zum Abkühlen. Gegen Mittag sind wir alle drei ziemlich gar und suchen nur noch Schatten.

Neben uns liegt das völlig überfüllte Strandbad. Lärm, Hitze, Menschenmassen. Hinter dem Zaun sitzen drei Mitarbeiterinnen in ihrer Pause. Meine Hunde laufen ein paar Schritte hinter mir und sind gerade mit einer offenbar außerordentlich wichtigen Schnüffelstelle beschäftigt.

Da ertönt plötzlich hinter mir: „HALLO! Sie da! Das machen Sie aber bitte SOFORT weg!“
Ich drehe mich um.
Hinter dem Zaun steht eine Frau, die offenbar nicht nur temperaturmäßig kurz vor dem Siedepunkt ist.
Und tatsächlich: Einer meiner Hunde hat sich gelöst. Ich habe es nicht gesehen. Kann passieren.

Ich greife in die Tasche.
„Oh, das habe ich gar nicht bemerkt!“
Tüte raus, Haufen weg.
Problem gelöst. Dachte ich.

„Ja klar! Wenn man einfach weiterläuft, kann man das ja auch gar nicht merken!“
Aha. Der Haufen ist beseitigt, aber der Konflikt möchte offenbar gern noch ein bisschen bleiben.

Nun könnte ich mich rechtfertigen. Oder erklären Oder ebenfalls lauter werden.
Oder – revolutionäre Idee – einfach nicht einsteigen.

„Stimmt“, sage ich freundlich. „Sie hat sich vorhin schon gelöst. Mit einer zweiten Portion hatte ich tatsächlich nicht gerechnet.“
Stille.
Für ungefähr zwei Sekunden sieht die Dame aus, als hätte jemand mitten im Streit das Drehbuch ausgetauscht.
Ich werfe die Tüte in den Mülleimer.
„Danke, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben. Einen schönen Tag noch!“
Und gehe weiter.

Paula und Leo stehen derweil im Schatten und beobachten die Szene mit der beneidenswerten Gelassenheit von Wesen, die keinerlei Interesse daran haben, aus jedem Reiz ein Ereignis zu machen
Ich könnte jetzt behaupten, ich hätte meinen Hunden gerade eindrucksvoll vorgeführt, wie souveräne Konfliktlösung funktioniert.

Die Wahrheit? Ich habe das eher von Paula gelernt Mit acht Jahren ist sie inzwischen Meisterin in einer Fähigkeit, die uns Menschen gelegentlich abhandenkommt:

Nicht auf alles reagieren.
Nicht jede Provokation beantworten.
Nicht jede Einladung zum Konflikt annehmen.
Manchmal ist die eleganteste Reaktion schlicht:
freundlich bleiben, Kacktüte nehmen und weitergehen.
Denn wirklich souverän ist nicht, wer jeden Kampf gewinnt.
Sondern wer weiß, welche Kämpfe sich überhaupt lohnen.

Man muss nicht jede Schlacht schlagen.

Juli 2025, Mondsee, Österreich

Schreibe einen Kommentar